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Risiko
Käfigtauchen ist etwas anders als mit dem Jacket am Riff entlang zu schweben. Im Prinzip hat es mit dem normalen
Sporttauchen nichts zu tun. Man muss es aber trotzdem lernen. Die Besatzung der Searcher besteht grundsätzlich auf einem Checkdive im Käfig ohne Kamera. Geatmet
wird über lange Atemschläuche durch ganz normale Regler. Man steht oder sitzt etwa zwei Meter tief auf Aluminium-Profilen. Um im Käfig sicher stehen zu
können, müssen erheblich Bleimengen umgeschnallt werden. Wer nass taucht kann etwas abspecken, aber auch nicht viel, denn der Käfig dümpelt in den Wellen. Ein fester
Stand ist deshalb nicht immer gewährleistet. Die kritische Phase des Käfigtauchens ist das Hineinklettern. Wenn es dumm läuft, kann man auch daneben rutschen. Dann
gute Nacht Marie. Mit 20 kg um den Leib sinkt man wie ein Stein. Nur sehr versierte Taucher können sich vermutlich noch schnell genug vom Ballast befreien. Einen
Schnellabwurf gibt es eigenartigerweise nicht. Passiert ist angeblich noch nie etwas, aber einmal ist bekanntlich immer das erste Mal. Noch brisanter geht es am
versenkbaren offenen Käfig zu, den man nur zusammen mit einem Guide besteigen darf. Der an einem Stahlseil hängende Käfig wird auf ca. 8 Meter Tiefe hinab gelassen.
Oben ist er offen, damit man freies Schussfeld auf den Weißen hat, wenn er kommt. Schon das Hineinklettern an der Bordwand ist nicht ohne. Unter Wasser steht man auf
einem kleinen Käfigrand, verwegene Typen stellen sich sogar auf die Brüstung. Wer hier das Gleichgewicht verliert, kann sich vermutlich verabschieden. Halt bietet nur
noch der Atemschlauch. Es ist eine Gratwanderung, die man in der Euphorie einfach riskiert. Damit einen der Weiße nicht von hinten überrascht, schaut der
Guide ständig nach allen Richtungen. Anfüttern ist in dieser Position lebensgefährlich, denn wenn der Weiße den freihängenden Käfig attackieren würde, ginge die
Fahrt vermutlich in die Tiefe. Der Grund liegt auf 100 Meter und auf dem Weg dahin lauern die Brüder und Schwestern von Carcharodon carcharias. Aber man käme
eh nicht lebend unten an, trotz der sicherheitshalber im Käfig postierten 10 l-Flasche. Die würde nur helfen, wenn ein Weißer die Atemschläuche zum Käfig durchbeißen
würde, dieser aber in der Aufhängung fixiert bleiben würde.
Tage des Wartens
Um den Großen Weißen für fotografische
Zwecke anzulocken, werden Köderfische an einem Seil ins Wasser geworfen und eine Ekel erregende Mischung aus Blut und Tran hineingekippt. Manchmal hilft es, oftmals
auch nicht. Dann starrt man stundenlang oder auch Tage ins Blaue und hofft auf eine Begegnung. Typisch für Amerika: Während man im Käfig sitzt und wartet, wird man mit
Popmusik unterhalten. Die Weißen hat das eigenartigerweise nicht gestört. Die Versuche, Weißhaie anzulocken, sind nicht immer erfolgreich. Abhängig sind sie auch
von den Strömungsverhältnissen. Wenn der Weiße einer Spur folgen kann, kommt er zielsicher zum Tauchschiff. Wenn nicht, ist vieles vom Zufall abhängig. Manchmal haben
wir uns gefragt, welche Fische außerdem noch hier leben? Viele Arten können es nicht sein, denn abgesehen von einem Schwarm heringsähnlicher Pazifikfische, die sich
mehr oder weniger am Köder versammelten, begegnete uns nichts. Andere Haie scheinen weggefressen bzw. vertrieben zu sein. Die Weißen sind gnadenlos, wenn es um ihr
Revier geht. Unter Fressmaschinen stellt man sich etwas anderes vor. Carcharodon carcharias, wie der Große Weiße wissenschaftlich genannt wird, ist extrem
vorsichtig, misstrauisch und zurückhaltend, wenn er den Köder angeht. Manchmal umkreist er ihn und greift ihn sich erst beim zweiten oder dritten Anlauf. Die Besatzung
versucht dann den Köder in Richtung Käfig zu ziehen, damit die Fotografen besser zum Schuss kommen. Das klappt allerdings nur bei kleinen Weißen. Die großen Exemplare
taxieren instinktiv, ob sich der Energieaufwand lohnt, dem kleinen Köderfisch hinterher zu schwimmen. Wenn die Energie aus der Nahrungsaufnahme geringer ist als der
eigene Kalorienverbrauch, lassen sie es fast immer bleiben. Dann nützen auch im Wasser treibende Blutwolken wenig. Hat sich der Weiße aber entschlossen, den
Köderfisch zu holen, dann kocht das Wasser. Mit ungeheuerer Speed, unvorstellbarer Dynamik und kolossaler Wucht setzt er seinen massigen Körper in Bewegung. Die
Beschleunigung ähnelt einem Formel 1 Boliden. Dann ist nichts mehr zu spüren von träger Masse und sanftem Gleiten. Der Trieb, die Beute zu fassen, verdrängt alle
anderen Instinkte. Häufig wird der Köderfisch mit samt dem dickem Kunststoffseil gekappt. Die Schnittstelle sieht aus wie mit einem Skalpell getrennt. Sauber, ohne
Fransen und ohne Rissspuren zieht man das Köderseil an Bord. Verblüfft, erstaunt und auch etwas beklemmend registriert man das Resultat der Köderannahme. Wie wäre es
ausgegangen, wenn ein Arm oder ein Fuß im Maul gelandet wäre? Nicht daran denken ist am besten für die Psyche!
Er kommt
Der Käfig hat große
Lücken, durch die man hindurchfotografieren kann. Unten sind sogar Schieber, die sich öffnen lassen, damit große UW-Gehäuse hinausgehalten werden können. Handschlaufen
sind kein Luxus, denn was hier ins Wasser fällt, ist für immer weg. Und am geöffneten Schieber ist zudem Vorsicht geboten, dass man nicht das Übergewicht verliert. Es
wäre ein Gleitflug in den Tod. Manchmal ist der Weiße so schnell da, dass man kaum reagieren kann. Oft kommt er heimlich von unten, steht am Käfig und dreht
sogleich wieder seine Runden. Wenn er den Käfig touchiert, torkelt man darin umher wie ein Besoffener. Die beschleunigte Masse dieser Fische ist eines der
beeindruckendsten Erlebnisse. Nicht ungefährlich ist das unkontrollierte Hinaushalten der Kameras zum Zwecke einer besseren und spektakuläreren Bildgestaltung. Wenn
der Weiße mit offenem Maul am Käfig vorbeischwimmt, nimmt er alles mit, was hinaushängt. Auch Arme und Kameragehäuse. Die Handschlaufen dürfen immer nur lose umgelegt
werden, sonst würde er bei der Mitnahme des UW-Gehäuses den Arm aus der Schulter reißen. Das würde man selbst mit dem versiertesten Arzt an Bord nicht überleben. Am
besten, man denkt nicht daran und bleibt vorsichtig. Aber das sagt sich so leicht. Die Euphorie reißt einen durchaus mit, man wird etwas leichtsinnig und fühlt sich im
gepanzerten Käfig wie in Abrahams Schoß. So mag sich auch Günter, ein Mitreisender aus dem Achener Raum, gefühlt haben. Mit ausgestrecktem Arm hielt er seinen
Camcorder aus dem Käfig und bemerkte nicht, dass der Weiße schon am Käfig war und den Leckerbissen im Visier hatte. Der Autor riss den Leichtsinnigen gerade noch
zurück, sonst hätte es eine Amputation gegeben. Die entsetzten Augen hinter der Maske sprachen Bände. Das hätte ins Auge gehen können. Zurück an Bord wankte der ins
Leben zurückgeholte Videograph mit sichtlich weichen Knien umher. Irgendwann, da waren wir uns sicher, wird es zu einem Desaster kommen. Dafür spricht das
Zufallsprinzip.
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