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by Herbert Frei 9.01
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Der Stör / 2. Seite
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Ähnlich erging es dem Hamburger Peter Blume, der im Binnenhafen mit einem Tauwurm auf Aalfang war und plötzlich einen Stör am Haken hatte.
Der verblüffte Petrijünger entließ die schwimmende Rarität ohne zu zögern wieder in die Freiheit. Gleiches ereignete sich im Main, als der Sportfischer Fabio Nardin
beim Nachtangeln mit einem Gummifrosch einen Stör an Land zog.
Woher diese versprengten Exemplare kommen, ist oftmals ungeklärt. Vielleicht sind sie aus
Zuchten entwichen, wurden ausgesetzt oder möglicherweise tatsächlich aus der Nordsee zugewandert. Ob es sich um echte Atlantische Störe handelte, ist zudem ungewiss,
denn die speziellen Unterschiede kennen oftmals nur Störexperten. Die gelandeten Störe waren zudem allesamt noch recht klein, sonst hätten sie nicht gefangen werden
können. Um einen Stör von 4 Meter Länge und 600 kg mit der Angel zu besiegen benötigt man in der Schlussphase mindestens 6 Männer, damit er an Land gehievt werden
kann. Die Süßwassergiganten kämpfen wie Berserker, springen wie Marline in die Luft, reißen die Schnüre von den Rollen, ziehen ein Angelboot stundenlang über das
Wasser. Kommt man dem knochenartigen, mit Schildpatt besetzten Schwanz zu nahe, kann das übel enden. Ein großer Stör kann dem Angler mit einem Schlag beide Beine
brechen. Selbst der kleine Sterlet kann zum Teufel werden. Ein Sportfischer vergaß beim Landen die dafür empfohlenen Lederhandschuhe anzuziehen und musste diesen
Leichtsinn fast mit dem Leben bezahlen, als der wie verrückt um sich schlagende und sich drehende Acipenser rutenus mit einem Knochenschild seiner Rückenpartie dem
Angler die Pulsader am Handgelenk aufriss und auch noch dessen Sehne zerfetzte.
Lebensweise:
Man weiß viel über den Stör, seine Biologie und seine
Verhaltensweisen, doch wenig über sein Leben selbst. Als Grundfisch verbringt er seine Tage und Nächte vorzugsweise über Kiesgrund, wühlt im Schlamm nach Würmern,
Schnecken und Krebsen und flippt gelegentlich mit wilden Sprüngen an der Oberfläche aus. Ein Verhalten, das nicht zu deuten ist. Als anadromer Wanderfisch zieht er im
Frühjahr aus dem Meer zum Ablaichen die Flüsse hoch. Ohne Probleme bewältigt er starke Strömung und Stromschnellen, in dem er von einem Vorsprung zum anderen springt,
und das trotz seiner enormen Körpermaße.
Abgelaicht wird vorzugsweise über klarem Kiesgrund. Die Wasserqualität ist eine wichtiger Parameter für eine
erfolgreiche Eiablage. Störe meiden verschmutztes und allzu trübes Wasser, laichen dann lieber vorher im Flussdelta oder in Nebenarmen ab. Nach dem Ablaichen ziehen
die erwachsenen Tiere wieder ins Meer, die Jungtiere verbleiben dagegen oft Jahre im Süßwasser, manchmal bis zur Geschlechtsreife, die bis zu 14 Jahre dauern kann.
Dann allerdings legen sie bis zu 2,5 Millionen Eier ab. Über die Lebensweise des Störs im Meer ist wenig bekannt. Er kann jedenfalls problemlos die tiefsten Stellen in
der Nordsee erreichen, geht dort unten auch auf Nahrungssuche. Natürliche Feinde hat ein ausgewachsener Stör aufgrund seiner Größe und seines knochigen Äußeren so gut
wie nicht. Selbst Haie machen um die Riesen einen Bogen und im Süßwasser kann ihnen nur im Jungstadium der Waller (er schluckt sie unzerkaut) gefährlich werden. Hechte
spucken erbeutete Kleinstöre wieder aus.
Je größer der Stör, desto fischiger wird seine Nahrung. Ein 5 m langer atlantischer Stör oder gar ein 8-9 m langer
Hausen können nicht mehr nur von Krebschen und Würmern leben. Ihre Beute besteht im Süßwasser zum großen Teil aus Karpfen, Hechten, Zandern, jungen Wallern, Plätzen
und Rapfen. Im Meer machen sie Jagd auf Schollen, Dorsche, Heringe, Köhler, Wasservögel und Robbenbabies. Die Beute wird im Ganzen verschlungen bez. im Maul zerrieben.
Inwieweit der harte Hornfortsatz am Schädel bei der Nahrungssuche beteiligt ist, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Man nimmt an, dass Störe hin und wieder mit
dieser Schädelverlängerung den Untergrund aufwühlen, um an Aale zu gelangen. Dass das Horn auch als Waffe benutzt wird, lässt sich nur vermuten. Ein meterlanger Stör
wäre bei entsprechendem Gewicht und angemessener Dynamik durchaus in der Lage, einen Menschen oder einen Ähnlich großen Fisch zu töten bez. schwer zu verletzen. In
Russland sollen große Hausen auch schon Fischerboote versenkt haben, in dem sie mit ihrer Hornschnauze ein Loch in den Rumpf stießen. Während man vor Hundert Jahren
nur drei Störarten unterschied, rechnet man heute mit über 20 Formen, die
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sich aber in Größe und Gestalt teilweise nur unerheblich voneinander unterscheiden, so dass selbst Fischkundler kaum die einzelnen Arten
unterscheiden und zuordnen können. Störe sind eine außerordentlich variable Fischgruppe, in der es nicht selten zu Verbastardierungen kommt. Diese Mischformen sind normalerweise
unfruchtbar, erreichen aber im einzelnen ein unglaubliches Größenwachstum. Kleinster Stör ist wie bereits erwähnt der Sterlet, dessen max. Länge nur etwas Über einen Meter
beträgt. Ihn findet man bei uns in vielen Flüssen und den Nebenarmen der großen Ströme, außerdem hält er sich auch in Seen und benötigt wie die stationäre Störform im russischen
Lagoda See keinen Zugang zum Meer.
Das schwarze Gold:
Bereits seit Jahrhunderten ist der Kaviar (russisch Ikra) ein hochgeschätztes und teuer bezahltes
Genussmittel. Störrogen wird in bester Qualität höher gehandelt als Gold. Die Preise erreichen mitunter astronomische Höhen. Feinschmecker sind bereit, für eine Top - Qualität
fast jeden Preis zu bezahlen. Ein Kilogramm besten Beluga - Kaviar gibt es ab 5000 Mark (Euro 2556). Eine Rarität sind die elfenbeinfarbigen Eier von Über 100-jährigen
Albinostören. Jährlich werden davon nur 20 kg gewonnen, das kg für 45.000 (Euro 23.008). Übertroffen wird dieser Kilopreis nur noch vom persischen Almas - Kaviar (Almas = persisch
= Diamant), der ausschließlich in 24 Kt - Golddosen, das kg für etwa 60.000 Mark (Euro 30.677) angeboten wird.
Berühmte Gerichte wie Reibekuchen mit Kaviar, entzücken
schon allein wegen ihrer edlen Schlichtheit. Wer Kaviar nur genießen will, isst ihn aus der Dose mit dem Kaffeelöffel. Mild gesalzen soll er sein. Die Hatz auf den Stör, der wegen
seiner feinen Eier zum teuersten Fisch der Welt wurde, hat die Populationen in Russland stark dezimiert. Eine Stör - Mafia hat sich des Handels bemächtigt und beutet die Bestände
gnadenlos aus. Unerfahrene Verbraucher werden mit mieser Qualität übers Ohr gehauen. Kaviar darf z. B. niemals in Gläsern oder offen angeboten werden, weil Licht und Sauerstoff
den edlen Geschmack binnen weniger Stunden zunichte machen und das edle Gut zum Oxydieren bringen. Übrig bleibt nach Meinung von Fachleuten eine ölige Schmiere, die für viel Geld
verhökert wird. Michel Riegert, Chef des Caviar - House in Genf, wo auch Gorbatschow schon orderte, gibt dem Kaviar nach dem Öffnen der Dose gerade mal 20 min bis zum
geschmacklichen Kollaps. In Deutschland ist die Deutsche Lufthansa der Hauptabnehmer. Etwa 11 Tonnen Kaviar ordert die Fluggesellschaft jährlich und bietet den Luxus in der First
Class an.
Ökonomie und Ökologie:
Wirtschaftlich spielt der Stör nur noch in den östlichen Ländern eine dominierende Rolle. In Russland, der Ukraine und im
Iran gibt es ganze Fabriken, die sich mit der Verarbeitung von Kaviar und Störfleisch beschäftigen. Während Kaviar vorzugsweise in Dosen verpackt und auf diese Weise um die Ganze
Welt verschickt wird, geschieht das mit Störfleisch nur bedingt. In Russland wird der Stör mitunter eingesalzen, gewürzt, getrocknet oder in gefrorenem Zustand den Verbrauchern
angeboten. Getrockneter Störrücken gilt in vielen Teilen Russlands und der Ukraine als große Delikatesse.
Vom Stör wird so gut wie alles verarbeitet. Aus der großen
Schwimmblase wird Fischleim gewonnen. Eine russische Spezialität ist die Verwertung der Rückensaite (Charda dorsalis), die zur Zubereitung der dort beliebten Fischsuppen und
Fischpasten (Pirok) benutzt wird. Störe, insbesondere der riesige Hausen, enthalten ziemlich dicke Eingeweidefette, manchmal pro Fisch 20 bis 30 kg und noch mehr. Aus dem
gelblichen Fett gewinnt man ein vorzügliches Speiseöl, das unter anderem in der Konservenfabrikation verwendet wird. Die Knochen - je nach Störgröße 100 kg und mehr - sind als
wichtige Zutat für die Zubereitung von speziellen Fischsuppen unerlässlich. Getrocknete und gereinigte Knochen gehen in großer Zahl nach China, wo sie in der dortigen Küche als
Aromastoff Verwendung finden.
An Bedeutung gewinnt die Störzucht, aber nicht alle Arten lassen sich unproblematisch vermehren. Vielfach fressen sich die Jungen selbst auf,
bis nur noch wenige Exemplare übrig sind. Erst 1991 gelang dem fränkischen Agrarwissenschaftler Joachim Schindler die Nachzucht des Sterlets. Führend in der Störzucht scheint die
Firma United Food Technologies AG in Fulda zu sein. Die im Industriegebiet ansässige Firma züchtet dort Tausende laichfähige Störe diverser Arten - leider nicht den Atlantischen
Stör - und erntet so echten Kaviar made in Germany. Die Tiere werden dabei nicht getötet, sondern mittels Kaiserschnitt vom Rogen befreit, vernäht und wieder ins Wasser
zurückgesetzt. Dieses Verfahren kann bis zu sechsmal wiederholt werden. Ob es eines Tages gelingt, den in Deutschland ausgestorbenen Acipenser sturio auf diese Weise wieder
heimisch werden zu lassen, ist allerdings ungewiss.
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