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Der große Report: 3 Gehäuse zur Canon EOS 300

Herbert Frei 8.01

Kohlefaser - der geheimnisvolle Stoff

Für High-Tech-Freaks ist dieses Wort ein Synonym für Fortschritt, Technologie und Zukunft. Überall, wo es auf das letzte Quäntchen an Gewicht bei hoher Zug- und Biegefestigkeit ankommt, liegt Kohlefaser oder Carbon (engl. Bezeichnung) unangefochten an der Spitze. Der heutige Flugzeugbau ist ohne Kohlefaser undenkbar, die schnellen Runden eines Michael Schumacher kämen ohne das Carbon - Gehäuse (Monocoque) und die Kunststoff - Flügel seines roten Renners nie zustande.

Minoltas Weltrekord - Verschlusszeit von 1/12 000 s und die echte Weltrekord-Synchronzeit von 1/300 s in der Dynax 9 wären ohne die Kohlefaser - Lamellen des Verschlusses nicht möglich. Aber nicht nur bei Getriebeelementen, Bremsscheiben (stehen wie eine Mauer), Kardanwellen, Blattfedern und Tragwerkskonstruktionen hat Kohlefaser den Markt erobert, mehr noch trifft man als Konsument auf dieses Wundermaterial in der Freizeitindustrie. Surfbretter, Fahrräder, Tennisschläger, Boote, Schistöcke und Motorradverkleidungen werden zu einem Großteil aus

C: Herbert Frei

Carbon gefertigt.Kohlefasern entstehen durch Verkokung nicht schmelzbarer Kohlenstoff - Polymerfäden, bestehen deshalb zu ca. 95% aus reinem Kohlenstoff. Für die reine Faser gilt eine Zugfestigkeit von 900 Newton pro Quadratmillimeter, die Dichte beträgt hingegen nur 1,5 g pro Kubikzentimeter. Kohlefaserkunststoff ist deshalb extrem leicht, wiegt gerade halb soviel wie eine Aluminiumlegierung. Die hohe Biegefestigkeit (E-Modul) und die hohe Temperaturbeständigkeit machen Carbon zu einem gesuchten Werkstoff, der selbst in Satelliten zu finden ist. Um Kohlefasern in der Technik einsetzen zu können, müssen die Gewebefasern bez. Faserschnitzel mit einem Matrix-Harz, meist Epoxid, umhüllt werden. Man nennt eine solche Masse dann Faser-Verbund-Kunststoff, kurz FVK. Ein UW - Gehäuse aus Kohlefaser - FVK besitzt im Durchschnitt eine Zugfestigkeit von 541 Newton pro Quadratmillimeter, was allgemeinem Baustahl ST 50 nach DIN 17 100 entspricht.

Das verblüffende an Kohlefaser-Kunststoff ist aber seine Reparaturfreundlichkeit. Risse in einem UW - GehŠuse (aus dem 10. Stock gefallen), ein falsch gebohrtes Loch (Bastlers Alptraum), eine ausgefranste O-Ring - Nut (Dichtung mit Hammer und Meißel entfernt) oder eine vernudelte Bohrung (Brille und Gefühl vergessen), können spielend leicht ausgebessert werden. Denn der neue Kohlefaser - FVK verbindet sich mit dem Altmaterial, als wäre alles schon immer aus einem Guss gewesen. Das Bindematerial Epoxidharz ist ein duroplastischer Kunststoff, den es bereits seit 1934 gibt. Die bei einer Druck - Biege oder Zugbelastung auftretenden Kräfte werden vom Harz nahezu verzögerungsfrei und ohne Substanzschäden auf die Fasern übertragen. Epoxidharz härtet kalt aus und kann danach nicht mehr plastisch verformt werden, ist zudem weder schmelz- noch schweißbar.

Organische Lšsungsmittel können dem Harz nichts anhaben. Gehäuse aus Kunststoff kommen seit Jahrzehnten in der UW - Fotografie vor, allerdings nicht aus Carbon. Die bekanntesten sind die amerikanischen von Ikelite (seit Anfang der Siebziger Jahre) und Nimar (aus Italien). Auch für eines der frühen Amphibienblitzgeräte, den Marlin von mfi, wurde bereits vor über 20 Jahren ein gespritztes Kunststoff - Gehäuse hergestellt. Heute ist Kunststoff nicht mal ein Hinderungsgrund für die Herstellung von wasserdichten Kameras. Alle Sea & Sea - Produkte (Motormarine, Blitzgeräte, Zwischenringe etc.) bestehen aus Kunststoff. Nichts rostet, nichts korrodiert! Die Handelsnamen der verwendeten Kunststoffe hören sich verführerisch an, Delrin (Polyoximethylen), Makrolon oder Lexan (Polycarbonat). Selbst Domegläser werden heute noch zum Teil aus Acryl (Polymethylmethacrylat) hergestellt. Seinen etwas zweifelhaften Ruf hat Kunststoff durch die flapsige Bezeichnung Plastik oder Plaste erhalten. Die Verarbeiter werden aber fuchsteufelswild, wenn man ihnen so kommt. Für Kohlefasertechniker Frank Bruder hört sich diese Bezeichnung sogar wie ein Schimpfwort an. 

 

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