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Seemann Sub: Kamera Aim & Shoot

Michael Goldschmidt 3.01

Zielen und Schießen ist das Motto der kleinen Schnorchler – und Taucherkamera Aim & Shoot , die für Seemann Sub in China gefertigt wird. Reizvoll für jeden Wassersportler, der nicht viel Geld in eine wasserdichte Kameraausrüstung investieren will, aber auch für Kinder und Jugendliche, die ihre Unterwasser - Abenteuer in Bildern festhalten möchten, so kann man die Aim & Shoot charakterisieren. Aber für unter 100 Mark (Euro 50,61) einfache Fotos machen zu können, das reizte auch Profifotograf und Filmer Michael Goldschmidt zu einen persönlichen Test.

Als ich noch keine Tauchsportausbildung absolviert hatte, interessierten mich bereits als leidenschaftlichen Fotograf preisgünstige Fotosysteme, die auch unter Wasser eingesetzt werden konnten. Kodak hatte mit der „Weathermatic“, einer knallgelben Kamera im Pocket - Filmformat, eingebautem Blitz und einsatzbereit bis 5 m Tauchtiefe die erste erschwingliche Lösung für Schnorchler angeboten. Immerhin gut 200 Mark mussten 1980 auf den Tisch gelegt werden, dafür konnte die Freundin im Schwimmbad als verführerische Nixe abgelichtet werden, umrahmt von blauen Kacheln. Später wurde dieses wasserdichte Kleinod Opfer eines Autoeinbruchs in Pisa, bei dem die Bösewichte nicht einmal die Bleigurte zurückließen.

Später gab es noch von Canon eine im KB-Format ausgelegte Outdoorkamera (etwa 500 Mark), die aber auch nur bis 5 Meter Tauchtiefe mitspielte. Verschiedene (ökologisch wertlose) Einwegkameras füllten die entstandene Lücke, bis jetzt endlich im Preissegment unter 100 Mark die Aim & Shoot von Seemann Sub vorgestellt wurde: Kein Hightechteil zum Schleuderpreis sondern einfachen Ansprüchen verbunden, das aber bis immerhin 20 Metern Tauchtiefe, für unschlagbare 99 Mark (Euro 50,61).

Ungewöhnlich ist es für mich schon mit einer Kamera zu hantieren, die so gar nicht mit den sonst üblichen teuren Aufnahmesystemen vergleichbar ist. Aber ein Objektiv ist vorhanden, ein Blitz ebenso und der Film wird motorisch transportiert.

Klein und überall zu verstauen, das macht die Aim & Shoot sofort sympathisch. Kein elektronischer Wunderkasten, keine dicke Betriebsanleitung, dafür ein kleines Faltblatt im Format DIN A 5 mit deutscher Einführung, keine noble Verpackung mit viel Styropor, einfach am Haken im Tauchshop zur Selbstbedienung feilgeboten. Da greift man hin und muss sich nicht erst mit Philosophien der Unterwasserfotografie auseinandersetzen.  

Kräftig gelbgrün strahlt die Frontseite, Blitz und Sucher dunkelblau abgesetzt, schwarz mit einem großen gelben Aufkleber mit Hinweisen zum Gehäusehandling, so sieht die Rückseite aus. Durchsichtig ist das in zwei Hälften zu teilende Gehäuse rund um die eigentliche Kamera. Mit zwei seitlichen Spannverschlüssen aus Kunststoff werden die Gehäusehälften zusammengezogen, eine breite blaue Dichtung mit quadratischem Querschnitt schottet gegen Wassereinbruch ab.

Für Aufnahmen über Wasser bietet die Aim & Shoot drei Funktionen: Ein Schieber unterhalb des Objektivs ist in Aufnahmeposition zu bringen, wahlweise ohne oder mit zugeschaltetem Blitz. Abgeschaltet bedeckt eine Lamelle schützend die kleine Kunststofflinse. Über die Blitzbereitschaft informiert eine blinkende Diode links neben dem Suchereinblick. In Abständen von 7 Sekunden kann eine Aufnahme mit Blitzlicht gemacht werden, dessen Leitzahl mit 10 angegeben wird.

Was ist denn eine Leitzahl, dürften hier 90% der Leser fragen? Eigentlich ganz einfach. Eine Leitzahl informiert darüber, welche Blende an der Kamera eingestellt werden muss in Abhängigkeit zur Entfernung zum Motiv. Dabei bezieht sich eine Leitzahl immer auf eine Filmempfindlichkeit von 100 ISO / 21° DIN.

Die Aim & Shoot arbeitet mit einer festen Blendeneinstellung von 9,5. Dies bedeutet, dass bei Blitzaufnahmen über Wasser mit einem Film von 100 ISO / 21° DIN (Formel: Leitzahl : Entfernung = Blende) ein Motiv kaum mehr als 2 Meter entfernt sein darf um auf dem Film richtig belichtet zu werden. Deshalb empfiehlt Seemann Sub in der Anleitung Filme mit 400 ISO / 27° DIN, damit der wirksame Blitzbereich bis etwa 4 Meter erweitert werden kann. Unter Wasser sieht die Welt ganz anders aus, hier verliert der Blitz viel seiner Kraft, in Abhängigkeit der Schwebeteilchen. Je nach den Bedingungen bleibt nur noch 1/3 seiner Leistung übrig, die er über Wasser erbringt.

So beschritt ich den goldenen Mittelweg und legte einen Film mit 200 ISO / 24° DIN ein und vermied dabei natürlich bei den Aufnahmen unter Wasser einen zu großen Motivabstand.

Mit 30 mm Brennweite über Wasser, das entspricht bei UW-Aufnahmen einer Brennweite von 40 mm, ist die Aim & Shoot recht gut auf ihren Einsatz im nassen Element vorbereitet.

Handling

Das Einlegen des Films gelingt relativ leicht. Wer weit teurere Fotogerätschaften gewohnt ist, vermisst sicherlich das satte Einrasten der Filmpatrone. Hier am wichtigsten ist die Kontrolle, dass die Perforation des Kleinbildfilms auch in das Zahnrad des motorischen Filmtransports eingreift. Nach dem Schließen des Rückdeckels und einem ersten Druck auf den Auslöser setzt sich der Motor der Kamera akustisch deutlich in Szene, damit hat man aber Gewissheit, dass eine Aufnahme / der Filmtransport erfolgte und die Kamera für einen Schnappschuss bereit ist.
 
Recht winzig ist die Bildzählanzeige. Eingesetzt ins Gehäuse kann man kaum die Zahlen erkennen. Aber mehr als maximal 36 Fotos können je Patrone nicht fotografiert werden, spätestens wenn der motorische Transport nicht mehr arbeitet, ist der Film voll.

Der Blick in den einfachen Sucher zeigt einen der Brennweite von 30 mm nicht wirklich identischen Bildausschnitt. Über wie unter Wasser wird auf dem Film mehr abgebildet, als der Sucherausschnitt zeigt. Da ist man wenigstens sicher, dass nichts vom Motiv abgeschnitten wird.

Unkompliziert ist das Verstauen der Kamera im UW-Body. In die vordere Schale wird die Aim & Shoot eingesetzt, wahlweise mit aktiviertem Blitz oder nur für den Kamerabetrieb geschaltet. Der Rückdeckel mit ausklappbaren Sportsucher und Gummihandschlaufe wird passgerecht daraufgesetzt und mit den zwei seitlichen Spannverschlüssen angezogen. Aufmerksamkeit verlangt die im Querschnitt quadratische Dichtung. Da das Plexigehäuse fertigungstechnisch beim extrem günstigen Gesamtpreis natürlich nicht einem Highendprodukt entspricht, kann sich besonders bei anfänglicher Benutzung der eine oder andere Kunststoff – Span an den Gehäusekanten ablösen (Reste des Entgratens) und sich auf der Dichtung absetzen. Vor den ersten Einsätzen empfiehlt sich daher die genaue Kontrolle mit einer Lupe und bei Bedarf das Spülen der Dichtung unter klarem Wasser. Am besten trocknet man sie dann durch langsames Ziehen durch zwei Finger, dabei spürt man auch eventuelle mechanische Beschädigungen der Dichtung. Auf keinen Fall darf man die Dichtung mit einem spitzen oder scharfen Hilfsmittel aus ihrem Sitz entfernen, das hat in der Regel eine starke Beschädigung zur Folge. Visiten- oder Scheckkarten helfen hier weiter oder ein spezieller O-Ring – Heber.

Zwei Durchführungen hat das Gehäuse, eine für den Auslöser, eine zweite für eine sehr durchdachte weitere Funktion. Auch wenn der Blitz vor dem Einbau der Kamera nicht aktiviert wurde, so wird er trotzdem ab einer Tauchtiefe von 5 Metern automatisch zugeschaltet. Dafür sorgt die zweite Durchführung an der Frontseite, die vom Wasserdruck entsprechend angesprochen wird. Ab etwa 0,5 bar Überdruck wird eine weiche Taste mit einem daran befindlichen dünnen Metallstift so weit in einen Kontakt der Kamera gedrückt, dass der Blitz zugeschaltet wird. Bei geringeren Wassertiefen kann man sich diese Funktion zunutze machen, indem die Taste sanft mit einem Finger gedrückt wird. So steht auch unterhalb von 5 Metern Tauchtiefe der eigentlich abgeschaltete Blitz zur Verfügung.

Möchte man umgekehrt auf das Abstrahlen eines Blitzes verzichten, genügt das einfache Abdecken des Blitzreflektors mit der Hand. So einfach geht das, ohne aufwendige Schalter und dicke Gebrauchsanweisungen. 

Nach getaner Arbeit muss der Film nur noch zurückgespult werden, das erledigt der Motorantrieb nach Betätigung der dafür vorgesehenen Schiebetaste. Erfreulich: Der Film wird nicht völlig in die Patrone zurückgezogen, es bleibt ein kurzes Ende zurück. So könnte ein nicht völlig belichteter Film noch einmal eingelegt werden oder es sind kreative Doppelbelichtungen bei einem zweiten Durchlauf möglich (Tipps für die etwas erfahreneren Fotografen).

Einsatz

Die Bedienungsanleitung empfiehlt einen Film mit 400 ISO / 27 DIN Empfindlichkeit. Unser Test ergibt, dass das durchaus die richtige Bestückung der Kamera darstellt. Bei Aufnahmen lediglich über Wasser, wie Landschaften am Tag oder mit Blitz belichtete Motive auf kurze Entfernung (unter 2 Meter) kann der von uns eingesetzte Film mit 200 ISO / 24 DIN durchaus genügen, aber alles, was an Land über 2 Meter oder unter Wasser über 1 Meter entfernt ist, wird mit dem um eine Blende empfindlicheren Material besser aufgezeichnet.

Das Leichtgewicht der Aim & Shoot hat unter Wasser einen leichten Auftrieb, positiv zu werten, wenn die Kamera lediglich am Boot Verwendung findet. Fällt sie ins Wasser, kann sie leicht wieder „herausgefischt“ werden.

Das Einfangen der Motive beim Tauchen erledigt man am besten mit Blick durch den Sportsucher. Unter Wasser hat das Kameraobjektiv eine Brennweite von 40 mm, entspricht also einem leichten Weitwinkel. Ab einem Meter Entfernung ist alles scharf. Der Sucherausschnitt ist knapper gehalten, als das, was man tatsächlich auf den Film bannt. Doch das gibt die schon erwähnte Sicherheit beim Motiv nichts abzuschneiden.  

Die Verzeichnung des Objektivs (Abbildungsfehler), die nur beim Testbild auf die Schwimmbadkacheln sichtbar wird und nicht bei den allgemeinen Motiven in freier UW-Natur, ist kissenförmig und entspricht damit auch den Werten vieler anderer, wesentlich teurerer Modelle.

Die Nähe das Blitz zum Objektiv bedingt, dass Aufnahmen in schwebstoffreichen Gewässern durch unscharf abgebildete und deutlich beleuchtete Partikel unschön überdeckt werden. Das passiert auch in Hallenbädern, denen man die gelegentlich vorhandene große Menge von Schwebstoffen auf den ersten Blick nicht ansieht.

Am besten bildet die Aim & Shoot bei Zuschaltung des Blitzlichts Motive ab, die keinen dunklen oder einfarbigen Hintergrund aufweisen. Denn dort zeichnen sich die Schwebstoffflecken am deutlichsten ab. Für den Nachttauchgang in planktonreichen Gewässern (Malediven) ist sie für durchweg passable Bildergebnisse demnach eher weniger geeignet. Eine kleine Justierungsschwäche hat der Blitz beim Testmodell meiner Feststellung auch, er ist etwas zu weit nach oben ausgerichtet, die untere Bildkante zeigt einen sichtbaren Lichtabfall. Korrekt ausgeleuchet wird allerdings der Bereich, die der Sportsucher als Motivfläche umrahmt. In dieser Preisklasse ohne Tadel ist die Schärfeleistung der Aim & Shoot.

Fazit

Für unter 100 Mark gibt es kein anderes Kameramodell am Markt, das Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Schnorchlern und Tauchern soviel Schnappschuss-Vergnügen liefert. Mit ein wenig Know How kann man aus der Aim & Shoot weit mehr herausholen, als ihr der Hersteller beim Einsatz allgemein zutraut. Und das macht auch einem alten Hasen hinter der Linse so richtig Spaß.

Fakten

Typ: Aim & Shoot
Vertrieb: Seemann Sub über Tauchsporthandel
Kamera: Kleinbidlfilm 135, Aufnahmen 12/24/36
Bildformat: 24x36 mm
Empfohlene Filmempfindlichkeit: 400 ISO / 27° DIN
Objektiv: Brennweite über Wasser 30 mm, unter Wasser 40 mm
Blende: fest, 9,5
Schärfe: fest, ab 1 Meter bis unendlich (Fixfokus)
Belichtungszeit: 1/100 sek.
Sucher: optisch und Sportsucher
Gehäuse: 2 - teilig, Acryl
Verschluss: 2 Kunststoff - Spannverschlüsse
Transport/Rückspulung: motorisch
Stromversorgung: 2 AA - Zellen 1,5 V
Durchführungen: 2, Auslöser und automatische Blitzaktivierung ab 5 Meter
Blitz: eingebaut, Blitzfolge 7 Sekunden
Gewicht: 260 g, im Wasser Auftrieb
Preis: ca. € 50

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